Taryu-Jiai

Taryu-Jiai (PDF)

 

Die Bezeichnung Taryū-Jiai wird verwendet, um Shiai (Duelle) zwischen Kenshi (Fechtern) unterschiedlicher Ryūha (Schulen) zu beschreiben. Heutzutage ist Taryū-Jiai wohl einer der am meisten missverstandenen Begriffe im Zusammenhang mit Koryū-Bujutsu (den alten japanischen Kriegskünsten). Im modernen Koryū-Umfeld wird Taryū-Jiai meist negativ aufgefasst und gerne auch als eine böswillige oder respektlose Angelegenheit angesehen. Dies liegt daran, dass Taryū-Jiai oft auf eine Stufe mit Dōjō-Yaburi gestellt oder damit verwechselt wird. Um dieses Missverständnis aufzuklären wird zunächst erklärt, was unter dem Begriff Dōjō-Yaburi zu verstehen ist.

Taryū-Jiai Geiko während der späten Edo-Epoche vor Clan-Funktionären, welche die kämpferischen Fähigkeiten der Fechter begutachten.

Taryū-Jiai Geiko während der späten Edo-Epoche vor Clan-Funktionären, welche die kämpferischen Fähigkeiten der Fechter begutachten.

 

I. Dōjō-Yaburi 

Historisch gesehen ist die Praxis des Dōjō-Yaburi grundverschieden zum normalem Taryū-Jiai, welches während der japanischen Feudalzeit bei der Mehrheit der Kenshi aller Ryūha sehr beliebt war und aktiv ausgeübt wurde. Dōjō-Yaburi bezeichnet die gewalttätige Zerstörung des Dōjō einer anderen Schule während einer Fehde zwischen zwei Ryūha. Konkret wurde dies umgesetzt durch das Besiegen oder Töten hochrangiger Schüler und Shihan (Meister) eines Dōjō und dem Zerstören bzw. der Mitnahme des Kanban (Holztafel mit dem Namen der Ryūha), dem Herzen jedes Dōjō.
Wichtig hierbei ist, dass Dōjō-Yaburi sehr selten vorkam und entsprechend nur sehr wenige belegbare Fälle dokumentiert sind. Schließlich konnte eine solche Auseinandersetzung schwerste Konsequenzen für beide Schulen mit sich ziehen. Meistens hat in einem solchen Fall die lokale Clan-Regierung interveniert und verhindert, dass es überhaupt zu einem Dōjō-Yaburi und somit einem blutigen Massaker zweier Schulen kommen konnte.

Eine übliche Lösung war, dass jede Schule einen Fechter bestimmte und diese beiden ein Duell vor Zeugen (meist Clan-Funktionären) ausfochten. Einer der Offiziellen fungierte dabei als Kenbunyaku (Kampfrichter). Das Urteil des Kenbunyaku galt absolut. Hätte es einer der Beteiligten gewagt, sein Votum in Zweifel zu ziehen, war es gut möglich, dass dies durch Seppuku (rituelle Selbstentleibung durch das Aufschneiden des Bauches) bestraft wurde. Üblicherweise wurden solche Shiai bis zum Tod mit Shinken (scharfen Schwertern) ausgefochten. Allerdings gibt es auch Aufzeichnungen, dass solch ein Disput vereinzelt mit Bokutō (Holzschwertern) oder mit Shinai (Bambusschwertern) beigelegt wurde. Shiai, bei welchen Bokutō oder Shinai benutzt wurden, endeten nicht zwangsläufig mit dem Tod eines der Beteiligten, sodass bei Duellen, welche ohne Shinken und im Beisein eines Kenbunyaku stattfanden, es eher selten zu Todesfällen kam.

Manchmal findet auch der Begriff „Ryūha-Yaburi“ Verwendung, was auf die vollständige Auslöschung einer anderen Schule verweist. Man könnte annehmen, dass damit gemeint ist, dass alle Mitglieder einer rivalisierenden Schule getötet und all ihre Dōjō zerstört wurden. Allerdings kam so etwas nie in der Realität vor, sondern geschieht nur in Romanen und Fernsehserien. Historisch gesehen war Ryūha-Yaburi eher die komplette Übernahme einer anderen Schule und ihrer Schülerbasis. Nachdem eine Ryūha endgültig besiegt wurde und sich somit als ungenügend erwiesen hatte, verließen die meisten Schüler die Schule und baten z.B. um Aufnahme in die siegreiche Schule oder zogen weiter um sich eine andere Schule zu suchen oder auch eine eigene Ryūha zu gründen. Dies ließ dann die besiegte Schule untergehen und aussterben, denn niemand wollte mehr mit ihr in Verbindung gebracht werden.

 

II. Taryū-Jiai 

Im Gegensatz zu Dōjō-Yaburi oder Ryūha-Yaburi war das Taryū-Jiai während der Edo-Periode (1603-1868) etwas ganz Normales. Ein Kenshi der hoch genug graduiert war, bekam von seinem Lehrer schlussendlich die Erlaubnis eine Musha-Shugyō (Krieger-Wallfahrt) zu unternehmen, eine Reise durchs Land also, um seine Fechttechnik in Duellen mit Kenshi anderer Ryūha zu vervollkommnen. Die Erlaubnis um in Taryū-Jiai zu kämpfen wurde meist zusammen mit der Verleihung des Menkyo-Kaiden (Lizenz der vollständigen Übermittlung der Lehre) gegeben. Oft wurde die Erlaubnis zu Taryū-Jiai auch weniger hoch graduierten Shihan (Meister) gegeben, wenn diese als würdige Repräsentanten der Schule durch ihren Sōke angesehen wurden. Die Taryū-Jiai, welche ein Kenshi während einer Edo-zeitlichen Musha-Shugyō ausfocht konnten sehr unterschiedlicher Natur sein. Üblicherweise wurden Shinai, manchmal auch Bokutō verwendet aber nur selten Shinken. Der Fokus lag auf dem Entwickeln der eigenen Technik und des eigenen Geistes durch das Messen mit Vertretern anderer Ryūha.

Fukurō-Shinai Daishō (Schwerterpaar), welches von Kamiizumi Nobutsuna, dem Begründer der Shinkage-Ryū Hyōhō, entwickelt wurde um im Vollkontakt zu kämpfen und um Taryū-Jiai zu praktizieren. Im Gegensatz zu Shiai, in welchen mit Bokutō gekämpft wurde, reduzierte der Einsatz des Fukurō-Shinai das Risiko schwer verletzt zu werden erheblich. Daher wurde es bald schon von vielen anderen Ryūha übernommen für deren Shiai-Training und Duelle.

Fukurō-Shinai Daishō (Schwerterpaar), welches von Kamiizumi Nobutsuna, dem Begründer der Shinkage-Ryū Hyōhō, entwickelt wurde um im Vollkontakt zu kämpfen und um Taryū-Jiai zu praktizieren. Im Gegensatz zu Shiai, in welchen mit Bokutō gekämpft wurde, reduzierte der Einsatz des Fukurō-Shinai das Risiko schwer verletzt zu werden erheblich. Daher wurde es bald schon von vielen anderen Ryūha übernommen für deren Shiai-Training und Duelle.

Ein Kenshi besuchte unterschiedliche Dōjō auf seiner Musha-Shugyō um dort gegen Schüler und Meister zu kämpfen. Dies war keineswegs unverschämtes oder gar respektloses Verhalten, wie es heutzutage häufig dargestellt wird, ganz im Gegenteil. Beim Betreten des Dōjō stellte sich der Fechter höflich vor, nannte seine Schule und Rang, woraufhin der Sōke der herausgeforderten Schule oder der Kanchō (Oberhaupt des Dōjō) entschied, ob die Herausforderung akzeptiert wurde oder nicht. Falls dem Begehren stattgegeben wurde, wurden dem Shugyōsha (ein Fechter auf Musha-Shugyō) einige Schüler und Meister des Dōjō vorgestellt, welche ihm im Shiai gegenüberstehen würden. Bei solchen Duellen kam meist das Yotsuwari-Shinai zum Einsatz, eine Shinai-Art bei der der Bambus in vier gleich starke Stücke geteilt ist. Manchmal wurden Fukurō-Shinai verwendet, ein Shinai in einem Lederüberzug wobei der Bambus in viele schmale Streben gespalten wurde. Solche Duelle konnten sowohl mit als auch ohne Bōgu (Schutzausrüstung) ausgetragen werden. Es lag im Ermessen der herausgeforderten Ryūha, ob mit Bōgu, Shinai oder Bokutō gekämpft wurde. Manchmal wurden auch nur einzelne Teile der Bōgu verwendet und zum Beispiel der Men (Kopf- und Gesichtsschutz) weggelassen um das Shiai für beide Fechter gefährlicher zu machen.
Während dem Shiai trat der Shugyōsha gegen alle Kenshi an, welche der Sōke oder Kanchō für ihn bestimmte. Es spielte keine Rolle, wie oft der Shugyōsha verlor, da die meisten Sōke oder Kanchō einen Herausforderer als willkommenen Trainingspartner für ihre eigenen Schüler ansahen. Auch konnten sie so ihre Stärke beweisen und die Bekanntheit ihrer Ryūha und des Dōjō im Land verbreiten.

Yotsuwari-Shinai Daishō (Schwerterpaar), welches durch Nakanishi Chūbei von der Ittō-Ryū Hyōhō entwickelt wurde. Das Yotsuwari-Shinai ist eine Mischung zwischen dem Fukurō-Shinai und einem Bokutō. Es ist nicht so hart wie ein Bokutō, aber trotzdem härter und fester als ein Fukurō-Shinai, da der Kern nur aus vier Stücken besteht und nicht aus vielen schmalen Streben, welche durch einen Lederüberzug zusammengehalten werden. Die Hokushin Ittō-Ryū verwendet traditionellerweise diese Art des Shinai für das Duell-Training und auch für Taryū-Jiai. Gendai-Kendō übernahm diesen Shinai-Typ ebenfalls.

Yotsuwari-Shinai Daishō (Schwerterpaar), welches durch Nakanishi Chūbei von der Ittō-Ryū Hyōhō entwickelt wurde. Das Yotsuwari-Shinai ist eine Mischung zwischen dem Fukurō-Shinai und einem Bokutō. Es ist nicht so hart wie ein Bokutō, aber trotzdem härter und fester als ein Fukurō-Shinai, da der Kern nur aus vier Stücken besteht und nicht aus vielen schmalen Streben, welche durch einen Lederüberzug zusammengehalten werden. Die Hokushin Ittō-Ryū verwendet traditionellerweise diese Art des Shinai für das Duell-Training und auch für Taryū-Jiai. Gendai-Kendō übernahm diesen Shinai-Typ ebenfalls.

Allerdings war es oft sehr schwierig für einen Shugyōsha von einem Dōjō einer sehr berühmten Ryūha akzeptiert zu werden, da vor deren Toren täglich etliche Herausforderer warteten. Es war ein Ding der Unmöglichkeit, alle Herausvorderer zu akzeptieren, denn so wäre an geregelten Unterricht und Training für die eigenen Schüler nicht mehr zu denken gewesen. So kam es durchaus vor, dass ein Shugyōsha tagelang warten und bitten musste, um für ein Shiai akzeptiert zu werden. Herausforderer, welche einen hohen Rang in einer berühmten Schule innehatten, bekamen normalerweise den Vorzug vor Fechtern aus unbekannteren Schulen.
Während der Edo-Periode beispielsweise, bewarben sich nahezu täglich zwischen zehn und fünfzig Kenshi im Chiba-Dōjō der Hokushin Ittō-Ryū um Taryū-Jiai. Obwohl viele Herausforderungen angenommen wurden, war es unmöglich alle zu akzeptieren. Das wäre mit dem strikten Trainingsplan des Dōjō nicht vereinbar gewesen.
Je höher der Rang eines Shugyōsha in einer bekannten Ryūha und je besser seine Reputation bereits war, desto größer war auch seine Chance akzeptiert zu werden.

Damals gab es in ganz Japan eine Vielzahl an Möchtegern-Kenshi, welche sich auf eine “himmlische Überlieferung” beriefen und geltend machten, geheime Techniken und Lehren direkt von Gottheiten oder Tengu (Bergkobolde welche für ihre Fechtkunst bekannt waren) erhalten zu haben. Allerdings waren die Ryūha, aus welchen diese Kenshi stammten, meist ein Phänomen in den ländlichen Gegenden des Landes. In Metropolen wie Edo oder Ōsaka, wo die stärksten Kenshi des Landes zusammenkamen um Taryū-Jiai in den sogenannten Machi-Dōjō (Stadt-Dōjō) auszufechten, konnten solche ominösen Ryūha nicht überleben.
In Edo ein Dōjō zu führen war ein hartes Unterfangen. Herausforderer aus anderen Ryūha standen fast täglich vor der Tür. Wenn eine Schule nun zu viele Duelle verlor oder ablehnte, galt sie schnell als schwach und untauglich und die Schüler verließen sie schlussendlich. Mit dem gehäuften Verlust von Schülern ging der finanzielle Ruin eines Dōjō einher und ein solches Dōjō war dann oft rasch gezwungen zu schließen.
Aufgrund dessen war es vielen Ryūha nur möglich, Dōjō in den Vorstädten von Edo oder Ōsaka zu eröffnen. Aber selbst das war schon eine große Leistung. Während der Bakumatsu-Zeit (1853-1868) zogen diejenigen Shugyōsha, welche in den Edo San-Dai-Dōjō (die drei größten und stärksten Dōjō Edos) abgelehnt wurden oder verloren hatten, zu den Dōjō schwächerer Ryūha in der Umgebung von Edo um gegen die dortigen Kenshi anzutreten. Die Edo San-Dai-Dōjō dieser Zeit waren das Chiba-Dōjō (Hokushin Ittō-Ryū), das Renpeikan (Shintō Munen-Ryū) und das Shigakukan (Kyōshin Meichi-Ryū).

Ein traditioneller Bōgu wie er für Taryū-Jiai und Shiai-Geiko von der überwiegenden Anzahl der Ryūha verwendet wurde, welche während der späten Edo-Periode existierten. Im modernen Sport-Kendō, welches diese Art von Bōgu von den verschiedenen Koryū-Bujutsu Schulen übernommen hatte, ist die Verwendung dieser Schutzausrüstung allerdings eine andere. Während man beim modernen Kendō bestimmte Bereiche des Bōgu als Trefferzonen für Punkte definierte, dient der Bōgu in den Koryū lediglich dazu, innere Blutungen und schwere Verletzungen während des Shiai zu vermeiden. Trefferzonen sind ausdrücklich nicht auf die geschützten Stellen beschränkt.

Ein traditioneller Bōgu wie er für Taryū-Jiai und Shiai-Geiko von der überwiegenden Anzahl der Ryūha verwendet wurde, welche während der späten Edo-Periode existierten. Im modernen Sport-Kendō, welches diese Art von Bōgu von den verschiedenen Koryū-Bujutsu Schulen übernommen hatte, ist die Verwendung dieser Schutzausrüstung allerdings eine andere. Während man beim modernen Kendō bestimmte Bereiche des Bōgu als Trefferzonen für Punkte definierte, dient der Bōgu in den Koryū lediglich dazu, innere Blutungen und schwere Verletzungen während des Shiai zu vermeiden. Trefferzonen sind ausdrücklich nicht auf die geschützten Stellen beschränkt.

Ryūha, welche während der Edo-Periode weder Kampfreputation besaßen noch starke und bekannte Kenshi hervorbringen konnten, wurden gemeinhin als Kahō- oder Dōjō-Kenpō gebrandmarkt. Mit Kahō-Kenpō (blumige Schwertkampfkunst) werden Schulen bezeichnet, welche als schwach angesehen werden, da deren Kenshi regelmäßig besiegt werden oder die Herausforderungen zu Taryū-Jiai grundsätzlich nicht akzeptieren. Demzufolge wurden und werden solche Schulen auch als Dōjō- Kenpōbezeichnet. Damit wird eine Ryūha umschrieben, in der sich der Sōke und dessen Shihan nur theoretisch durch Kata-Geiko mit der Schwertkampfkunst befassen, hinter den verschlossenen Toren des Dōjō. Dadurch mangelt es an der regelmäßigen Überprüfung der Wirksamkeit der Lehrinhalte. Selbst wenn eine alte Schule während der Sengoku-Periode (ca.1467-ca.1603) den Beweis ihrer Effektivität antrat, entwickelten sich viele junge Ryūha technisch weiter und wurden dadurch während der Edo-Periode (1603-1868) stärker als ihre Vorgängerschulen. Eine Schule, welche sich auf den Lorbeeren vergangener Zeiten ausruhte, ohne fortwährend starke Kenshi hervorzubringen oder ihre Effektivität unter Beweis zu stellen, wurde daher ebenfalls als Kahō- oder Dōjō-Kenpō bezeichnet. Nur weil eine Ryūha in der Vergangenheit einmal stark und bekannt war bedeutete das nicht automatisch, dass dies auch während folgenden Generationen und Jahrhunderten zwingend der Fall sein muss. Schließlich waren die Koryū die militärischen Ausbildungsstätten der Bushi während den Feudalepochen Japans. Entsprechend war die Wirksamkeit der erhaltenen Ausbildung in erfolgreichen Duellen und Kämpfen gegen andere Traditionen das Wichtigste für einen jeden Kenshi.

 

III. Taryū-jiai gegen den Sōke einer Ryūha oder den Kanchō eines Shibu-Dōjō 

Den Sōke einer Ryūha oder den Kanchō eines Shibu-Dōjō (Zweig-Dōjō) einer Ryūha direkt herauszufordern, war ein relativ schwieriges Unterfangen und zudem äußerst heikel. Wenn ein Shugyōsha solch eine Person direkt zum Duell forderte, galt dies gemeinhin als anmaßend und respektlos und konnte durchaus mit dem Tod des Herausforderers enden. Wie bereits dargelegt, war Taryū-Jiai während der Edo-Periode ein alltägliches Ereignis. Allerdings war dies meist in Form von Taryū-Jiai-Geiko (Taryū-Jiai Training) und nicht gedacht als direkter Angriff auf eine Ryūha oder Dōjō. Wenn nun allerdings das Oberhaupt einer Schule oder eines Dōjō persönlich herausgefordert wurde, galt dies als ernste Angelegenheit, denn nun stand das Ansehen der Schule oder des Dōjō direkt auf dem Spiel.
Daher war es üblich, dass ein Shugyōsha zuerst gegen diverse hochrangige Schüler kämpfen und gewinnen musste, bevor ihm erlaubt wurde gegen die Person anzutreten, welche er eigentlich herausforderte. Zudem hatten die meisten Dōjō den Grundsatz, dass solch ein Kenshi das Dōjō nicht lebend verlassen durfte. Selbst wenn der Kampf mit Shinai ausgetragen wurde, war es üblich ins Kumiuchi (Mischung aus Kenjutsu- und Jūjutsu-Techniken) zu gehen und dem Herausforderer den Kehlkopf zu zerschmettern oder sein Genick zu brechen. Alles, um den Ruf und das Ansehen der Schule zu schützen, was damals wie heute das Wichtigste für eine Ryūha ist.

Es kam durchaus vor, dass das Oberhaupt einer Schule oder eines Shibu-Dōjō gegen einen Shugyōsha kämpfte, der es nicht schaffte, alle ausgewählten Schüler zu besiegen. Der Grund war meist, dadurch einen neuen Schüler zu gewinnen. Denn wenn ein Fechter in solch einem Taryū-Jiai besiegt wurde und vom hohen technischen Level seines Gegners beeindruckt war, kam es oft vor, dass er die technische Überlegenheit der herausgeforderten Ryūha anerkannte und offiziell oder zeitweilig als Schüler beitrat.

Nur Kenshi, welche dieselbe Position und Rang und bereits eine Kampfreputation besaßen, wurden akzeptiert, gegen den Sōke einer Ryūha oder den Kanchō eines Shibu-Dōjō (Zweig-Dōjō) einer Ryūha zu kämpfen. In gewissen Fällen genügte auch ein hoher Rang in einer Schule zusammen mit einer guten kämpferischen Reputation. Im Allgemeinen kämpften die meisten Kenshi nur, wenn sie durch ein Shiai etwas gewinnen konnten. Es war praktisch unmöglich für einen Fechter, der noch über keinen bekannten Namen oder kämpferische Reputation verfügte, für ein Taryū-Jiai gegen ein Schuloberhaupt oder Dōjō-Kanchō zugelassen zu werden. Ebenso schwierig war dies auch für hochrangige Personen aus relativ unbedeutenden Ryūha.

Wenn der Sōke oder Kanchō weder Ruhm durch das Besiegen eines berühmten Kenshi oder hochgraduierten Vertreters einer namhaften Ryūha erlangen, noch einen Schüler durch den Sieg über den Herausforderer gewinnen konnte, wurde es als nutzlos angesehen persönlich zu kämpfen, da die höher graduierten Schüler meist ausreichten um den Namen der Schule zu schützen.

 

IV. Taryū-Jiai Heutzutage

Nach dem 2. Weltkrieg und der darauffolgenden US-amerikanischen Besatzung Japans durchliefen viele Koryū massive Veränderungen. Während bis in die 1940er-Jahre über 90% aller damals noch existierenden Koryū Taryū-Jiai betrieben, änderte sich dies nach dem Krieg dramatisch. Die US-Besatzungsbehörde unterband für eine gewisse Zeit das Ausüben jeglicher Kampfkünste und militärischen Drills in Japan.
Als dieser Bann zu Beginn der 1950er-Jahre aufgehoben wurde, fand bereits eine zutiefst pazifistische Grundhaltung ihren Eingang in etliche Koryū-Bujutsu Ryūha und natürlich auch in das Gendai-Budō. Viele Sōke und Shihan von vormals starken Gekiken-(Sparring) Traditionen, welche bekannt waren für ihre Taryū-Jiai Praxis, fürchteten sich davor als Kriegstreiber zu gelten, wenn sie ihre Künste gemäß der alten und authentischen Art und Weise ausübten. Da Vertreter moderner Kampfkünste wie Kendō, Iaidō, Jūdō oder Jōdō bereits öffentlich verlauten ließen, nichts weiter als „kulturelle Sportarten“ zu betreiben, ohne jegliche Intention für eine reale Anwendung (oder gar militärischen Trainings), folgten viele Koryū-Lehrer dieser Sichtweise um sich somit einzufügen in die verwestlichte und befriedete neue japanische Gesellschaft. Auf diese Weise isolierten und distanzierten sich eine Vielzahl von Koryū voneinander und unterließen es fortan, zu kämpfen oder andere Schulen zu Taryū-Jiai herauszufordern. Viele Ryūha ließen sogar ihr schuleigenes Shiai-geiko (Kampftraining) wegfallen und beschränken sich heute ausschließlich auf Kata-geiko (Formentraining). „Nicht kämpfen“ bzw. „nicht wettstreitend“ zu sein, wurde mit der Zeit sogar weithin als ein eigentliches Charakteristikum von Koryū-Bujutsu angesehen. Dies zeigt deutlich den Verfall diverser Koryū-Bujutsu Ryūha über die letzten hundert Jahre.

Gekiken-Shiai Geiko, wie es während der späten Edo-Periode von über 90% aller existierenden Ryūha ausgeübt wurde.

Gekiken-Shiai Geiko, wie es während der späten Edo-Periode von über 90% aller existierenden Ryūha ausgeübt wurde.

Heutzutage gibt es nur noch eine Handvoll authentischer Koryū, welche ihre Kunst so praktizieren wie in der Edo-Periode üblich und welche somit die Lehren ihrer Schulen und ihre Traditionen aufrechterhalten. Viele Linien einst berühmter Koryū und deren Ha (Seitenlinien) existieren immer noch, wurden aber stark durch die Mentalität des Pazifismus nach dem 2. Weltkrieg beeinflusst. Man kann sie vergleichen mit einem Einsiedlerkrebs, der in der Schale einer toten Muschel lebt. In Bezug auf eine ununterbrochene Linie der Überlieferung mögen sie echt sein. Wenn auf der anderen Seite aber eine Ryūha ihr Shiai-geiko aufgegeben hat oder kein Taryū-Jiai mehr akzeptiert, obwohl sie eine dokumentierte Kampfgeschichte aufweist, dann hat sie ihre Essenz verloren und wurde zu etwas komplett Anderem, verglichen mit authentischem Koryū-Bujutsu. Sie wurde quasi zu einer „Neo-Koryū”, einer Schule die einer Gendai-Ryūha (moderne Schule der Kampfkunst) zum Verwechseln gleicht, aber noch in einer leeren Koryū-Schale ohne Glaubwürdigkeit existiert.

Von den drei noch existierenden, authentischen Linien bewahrt lediglich die Hauptline der Hokushin Ittō-Ryū Hyōhō (Chiba-Dōjō) ihr Gekiken-Curriculum, betreibt aktiv Taryū-Jiai und ist offen für Shugyōsha anderer Schulen, welche ihr Fertigkeiten prüfen wollen. Diese Linie wird zurzeit durch den siebten Sōke, Ōtsuka Ryūnosuke, geführt. Die beiden unabhängigen Shihanke-Linien (Seitenlinien) der Schule, die Ozawa-ha Hokushin Ittō-Ryū (Tōbukan) und die Noda-ha Hokushin Ittō-Ryū (Otaru-Genbukan) wurden zu Neo- Koryū und betreiben weder traditionelles Gekiken Shiai-geiko noch praktizieren sie Taryū-Jiai.

Einige andere Koryū, welche noch Shiai-geiko praktizieren und offen sind für Taryū-Jiai, wären: Tennen Rishin-Ryū (Bujutsu-Hozonkai Line), verschiedene Linien der Jikishinkage-Ryū und der Shinkage-Ryū sowie ein paar andere Ryūha. Die grosse Mehrzahl der heute noch bestehenden Schulen mit einer authentischen Lehrlinie wurden allerdings zu Neo-Koryū, welche ihre Kunst hauptsächlich theoretisch studieren und weitergeben.

Ein Shiai-Mōshikomijō (traditionelle Duell-Herausforderung), welches durch Ōtsuka Ryūnosuke, den siebten Sōke der Hokushin Ittō-Ryū Hyōhō, an den Sōke einer anderen Koryū geschickt wurde. Das Duell wurde durch “saya no uchi no kachi” (Sieg, ohne das eigene Schwert zu ziehen) gewonnen, nachdem der Sōke der anderen Schule bekanntgab, “er sei nicht imstande dieses Duell zu gewinnen“. Die Daten, Orte und Namen des herausgeforderten Sōke und seiner Ryūha sind unkenntlich gemacht worden, um deren Würde zu schützen.

Ein Shiai-Mōshikomijō (traditionelle Duell-Herausforderung), welches durch Ōtsuka Ryūnosuke, den siebten Sōke der Hokushin Ittō-Ryū Hyōhō, an den Sōke einer anderen Koryū geschickt wurde. Das Duell wurde durch “saya no uchi no kachi” (Sieg, ohne das eigene Schwert zu ziehen) gewonnen, nachdem der Sōke der anderen Schule bekanntgab, “er sei nicht imstande dieses Duell zu gewinnen“. Die Daten, Orte und Namen des herausgeforderten Sōke und seiner Ryūha sind unkenntlich gemacht worden, um deren Würde zu schützen.

 

V. Taryū-Jiai mit der Hokushin Ittō-Ryū Hyōhō 

1. Taryū-Jiai Geiko: Die Hokushin Ittō-Ryū Hyōhō unter der Leitung des siebten Sōke Ōtsuka Ryūnosuke akzeptiert Kenshi (Fechter) mit einem Koryū- oder Gendai-Kendō/Iaidō Hintergrund, welche gerne ihre Fertigkeiten gegen unsere Tradition in einer Gekiken Taryū-Jiai Geiko Einheit (Duelltraining) testen wollen. Gefochten wird mit Shinai und Bōgu gegen unterschiedliche unserer höher- bzw. niedriger graduierten Kenshi. Dies ist kein offizielles Taryū-Jiai im Beisein eines Kenbunyaku (Kampfrichters), sondern gilt als Taryū-Jiai Geiko (Training für Taryū-Jiai) ohne offizielles Resultat. Somit wird keine schriftliche und unterzeichnete Erlaubnis durch die Ryūha oder den Lehrer des Herausforderers verlangt. Die Voraussetzungen um bei einem Taryū-Jiai geiko teilzunehmen sind:

  • Koryū- oder Gendai-Kendō/Iaidō Hintergrund
  • Höfliche Bewerbung per Email, wo der eigene Kampfkunst-Hintergrund detailliert vermerkt ist
  • Bōgu und Shinai für eine Taryū-Jiai Geiko Einheit kann durch unsere Ryūha gestellt werden
  • Keine Einwilligung zu Taryū-Jiai durch Ryūha oder Lehrer des Herausforderers erforderlich 

2. Offizielles Taryū-Jiai: Die Hokushin Ittō-Ryū Hyōhō akzeptiert offizielle Taryū-Jiai-Gesuche ausschließlich von Herausforderern mit einem legitimen Koryū-Hintergrund. Dies bedeutet, dass die Schule im “Bugei Ryūha Daijiten” aufgeführt sein muss. Zudem muss die Person durch ihren jeweiligen Sōke oder Shihanke bevollmächtigt sein, die eigene Ryūha zu repräsentieren. Wichtig zu wissen: Eine Herausforderung zum Taryū-Jiai werten wir weder als Angriff noch als unangebrachtes Verhalten solange der Herausforderer die Gepflogenheiten einhält und sich auf respektvolle und höfliche Art verhält. Die Hokushin Ittō-Ryū Hyōhō ist offen für Taryū-Jiai und wir freuen uns auf jeden Anwärter der uns kontaktiert. Ein offizielles Taryū-Jiai mit unserer Schule wird entweder mit Shinai (Bambusschwertern) oder Bokutō (Holzschwertern) bestritten. Zum Schutz kann Bōgu (traditionelle Schutzausrüstung) getragen werden, was allerdings nicht zwingend ist. Die Auswahl zwischen Shinai und Bokutō und ob Bōgu benutzt wird oder nicht, ist dem amtierenden Sōke unserer Ryūha für jedes jeweilige Shiai überlassen. Selbstverständlich können Wünschen hierzu geäußert werden. Während dem offizielles Taryū-Jiai wird immer ein Kenbunyaku (Kampfrichter) anwesend sein. Die Voraussetzungen für ein offizielles Taryū-Jiai sind:

  • Koryū-Hintergrund
  • Schriftliche und unterzeichnete Erlaubnis durch den Sōke oder Shihanke der eigenen Ryūha, dass ein Taryū-Jiai ausgetragen werden darf
  • Shiai-mōshikomijō (traditionelle Duell-Herausforderung), welche per Post oder Email geschickt werden muss
  • Bōgu, Shinai und Bokutō für ein offizielles Taryū-Jiai können durch unsere Ryūha gestellt werden 

3. Taryū-Jiai mit dem amtierenden Sōke der Hokushin Ittō-Ryū: Falls Sie der Sōke oder ein hochrangiger Shihan einer legitimen Koryū sind, wenden Sie sich bitte mit einem formellen Gesuch um ein Taryū-Jiai mit dem 7. Sōke der Hokushin Ittō-Ryū Hyōhō, Ōtsuka Ryūnosuke, direkt an uns. Während den vergangenen Jahren forderte Ōtsuka Ryūnosuke-Sōke diverse Sōke, Shihan und Schüler von über zwölf verschiedenen Ryūha heraus und hat bis heute keines der Duelle verloren. Die Voraussetzungen für ein Taryū-Jiai mit dem siebten Sōke der Hokushin Ittō-Ryū Hyōhō sind:

  • Den Rang eines Sōke oder Shihanke einer legitimen Koryū bekleiden oder ein hochrangiger Shihan solch einer Schule sein
  • Falls Sie Shihan sind, benötigen Sie die schriftliche Erlaubnis ihres Sōke, dass ein Taryū-Jiai ausgetragen werden darf
  • Shiai-Mōshikomijō (traditionelle Duell-Herausforderung), welches per Post oder Email geschickt werden muss
  • Bōgu, Shinai und Bokutō für das Taryū-Jiai können durch unsere Ryūha gestellt werden 

Für alle Anfragen betreffend den Punkten 1, 2 oder 3 senden Sie bitte eine E-Mail an info@hokushinittoryu.com in dem sie sich auf Japanisch oder Englisch und unter Nennung ihres vollen Namens (gem. Personalausweis) vorstellen. Bitte legen Sie ihren detaillierten Koryū- oder Gendai-Kendō/Iaidō Hintergrund dar und stellen Sie alle notwendigen Unterlagen, wie oben erwähnt, zur Verfügung.

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Literarische Quellen:

  • Bakumatsu Kantō kenjutsu eimeiroku no kenkyū, Watanabe Ichiro, Watanabe Shoten, 1967
  • Bujutsu eimeiroku, Sanada Noriyuki, 1860
  • Gekiken shiai oboe-chō, Enomoto Shōji, Iyoshidankai Bunkozō, he published a corrected version in 1991
  • Shokoku kaireki nichiroku, Muta Bunnosuke, 1853
  • Bakumatsu kenkyaku monogatari, Hujishima Ikko, 1963

Andere Quellen:

  • Hokushin Ittō-ryū Hyōhō no Kuden (Mündliche Überlieferung)
  • Archiv der Ōtsuka Familie

Artikel:

  • Kengō / ryūha to nihontō / Bakumatsu Sandai-Edo-Dōjō to shishitachi, Tomoda Mitsuru, Nihon Bungeisha, 10th of March 2013
  • Ken Nihon no Ryūha / Rekishi ni Ikizuku Koryū no Ken, Kasakura Shuppansha, September 2015