Graduierungen

In der Hokushin Ittō-Ryū ist das alte traditionelle Graduierungssystem nach wie vor vollständig erhalten. In traditionellen Koryū-Bujutsu (alten japanischen Kampfkünsten) existieren Graduierungen wie “Dan” oder “Kyu” nicht, da diese erst später mit dem Aufkommen der Gendai-Budō (modernen japanischen Kampfkünsten) eingeführt wurden. Beispiele für Gendai-Budō sind unter anderem Kendō, Iaidō, Jūdō, Jōdō oder Aikidō. Ränge in Koryū werden traditionellerweise mittels Makimono (Schriftrollen) verliehen, welche die Geheimnisse und Lehren der jeweiligen Schule enthalten. Der Inhalt der Makimono ist üblicherweise geheim und ein Schüler, dem eine Makimono verliehen wurde, muss ihren Inhalt vor anderen Mitgliedern der Schule mit einem niedrigeren Rang und Außenstehenden schützen. Aus diesem Grund werden Makimono normalerweise zusammen mit einem Inka-Jō (traditionelles Diplom) verliehen, welches jedem öffentlich gezeigt werden darf und somit als Nachweis für die Qualifikation eines Kenshi dient, ohne den Inhalt der Makimono preiszugeben. Makimono und Inka-Jō zusammen bescheinigen somit den Rang eines Schülers, den dieser von dem jeweiligen Sōke einer Schule verliehen bekommen hat.

Farbige Gürtel oder Aufnäher auf der Kleidung, welche den Rang anzeigen, sind ein modernes Phänomen und nicht existent in authentischen Koryū-Bujutsu Schulen. Die Benutzung von gestreiften Hakama, Kimono (Montsuki) oder Haori (Jacke, die über dem Kimono getragen wird) stehen ebenfalls in keiner Beziehung zum Rang des Tragenden. Es handelt sich hierbei schlicht um formelle Kleidung, ähnlich wie ein Anzug heutzutage, während Keiko-Gi und Hakama, die im regulären Training getragen werden, in etwa heutiger Sportbekleidung entsprechen würden. In echten Koryū-Bujutsu ist der Rang nicht durch ein externes Stilmittel angezeigt. Stattdessen wird der Rang, und die damit verbundene Meisterschaft innerhalb der Schule, durch Technik, Wissen und Charakter ausgedrückt und dadurch für andere Leute sichtbar.

Makimono der Hokushin Itto-Ryu Hyoho

Makimono der Hokushin Ittō-Ryū Hyōhō

Die Techniken und Lehren der Hokushin Ittō-Ryū werden auf drei verschiedenen Stufen vermittelt. Bei diesen Stufen handelt es sich um

  • Shoden: Shoden ist der Einstieg in die Vermittlung der Schule. Auf dieser Stufe lernt der Schüler die Grundbewegungen und -techniken der Schule. Diese Grundlagen dienen bilden das stabile Fundament auf welchem die starken Techniken der beiden folgenden Stufen aufbauen.
  • Chūden: Chūden ist das mittlere Niveau in der Vermittlung der Lehren. Auf diesem Schritt in der Ausbildung zum Kenshi muss der Schüler alle hier gelehrten Techniken meistern, kompetent und erfahren im Shiai (Duell) werden. Darüber hinaus ist es wichtig Kenntnisse über die Philosophie und die Geschichte der Schule zu erwerben.
  • Okuden: Okuden ist die höchste der drei Stufen bei der es um die vollständige Meisterung der Schule geht. Im Okuden werden die schwierigsten und geheimsten Techniken und Lehren der Schule weitergegeben. Nachdem alle Lehren im Okuden vollständig beherrscht werden, bekommt der Schüler die Menkyo-Kaiden Schriftrolle überreicht (Lizenz über die vollständige Meisterschaft in der Schule).

 

In der Hokushin Ittō-Ryū werden traditionell fünf Makimono (Graduierungs-Schriftrollen) vergeben, welche das Können und den Rang eines Kenshi (Schwertkämpfers) in der Schule anzeigen. Bei diesen fünf Graduierungen handelt es sich in aufsteigender Reihenfolge um:

  1. Kirigami
  2. Hatsu-Mokuroku
  3. Kajō-Mokuroku / Seigan-Denjū (auch Hon-Mokuroku genannt)
  4. Chū-Mokuroku / Menkyo
  5. Dai-Mokuroku / Menkyo-Kaiden

Neben diesen fünf Graduierungen existiert noch das Naginata-Mokuroku, für welches die komplette Meisterschaft in allen Naginata Techniken die Voraussetzung ist. Oft wird das Naginata-Mokuroku zusammen mit dem Chū-Mokuroku verliehen. Falls jedoch ein Schüler das komplette Naginata Curriculum gemeistert hat, bevor er Chū-Mokuroku erreicht, so kann das Naginata-Mokuroku auch vorher ausgestellt werden.

"Geist, Energie und Stärke sollen eins werden" - Chiba Shusaku (1792-1855)

“Geist, Energie und Stärke sollen eins werden” – Chiba Shūsaku

Ein Schüler erhält die erste Graduierung, das Kirigami, sobald er das Shoden Level der Schule durchlaufen hat. Dies bedeutet, dass alle Kihon (Grundtechniken) geübt wurden. Letztere umfassen Ashiwaza (Fußarbeit), Suburi (Schlag- und Schnittübungen), sowie die Grundlagen einiger Kenjutsu und Battōjutsu Kata (Formen) der Schule. In der Shoden Stufe lernt der Schüler Grundlagenwissen über die Schule und ihre Lehren. Im Vergleich zum modernen Kendō/Iaidō Graduierungssystem der Zen Nihon Kendō-Renmei (der japanische Kendō und Iaidō Verband) wäre Kirigami gleichbedeutend mit dem 1. Dan (Shodan).

Auch wenn es möglich ist mit regelmäßigem und hartem Training Kirigami nach einer Zeit zwischen ein und zwei Jahren zu erreichen, so ist die nächste Graduierung, das Hatsu-Mokuroku, deutlich schwieriger zu erreichen. Hierfür muss der Schüler die im Chūden vermittelten Inhalte studieren. Chūden selbst ist unterteilt in die Graduierungen Hatsu-Mokuroku und Kajō-Mokuroku. Um die erste dieser beiden Schriftrollen, das Hatsu-Mokuroku, zu erlagen, muss der Schüler die erste Hälfte der Chūden (fortgeschrittenen) Techniken meistern, sowie stark und dominant im Shiai (Duell) werden. Mit dem erlangen dieses Mokuroku wird der Schüler zugleich auf die Position des Shidōin befördert. Dabei handelt es sich um eine Art Zwischenstufe zwischen Schüler und Meister. Setzt man Hatsu-Mokuroku wieder in Verbindung mit dem modernen Graduierungssystem des Kendō/Iaidō, so würde es sich hierbei um den 4. Dan (Yondan) handeln.

Der nächste Rang und die dritte Schriftrolle in der Hokushin Ittō-Ryū heißt Kajō-Mokuroku. Hierbei handelt es sich um eine der an schwierigsten zu erlangende Graduierung innerhalb der Schule. Der Schüler muss dafür das komplette Shoden und Chūden beherrschen, sich eine meisterhafte Technik aneignen und im Umgang mit den Jūni-Kajō, den zwölf Prinzipien des Kampfes der Hokushin Ittō-Ryū, vertraut werden sowie diese anwenden können. Mit dem Erreichen des Kajō-Mokuroku wird der Schüler zum Shihandai (beginnendem Meister) der Schule. Alle nicht-japanischen Schüler müssen dafür außerdem flüssig im Umgang mit der japanische Sprache werden. Profunde Kenntnisse bezüglich der Geschichte des feudalen Japans und seiner Gebräuche müssen zusätzlich auch vorhanden sein. Das Kajō-Mokuroku entspricht dem 6. Dan (Rokudan) des modernen Graduierungssystems.
Das Kajō-Mokuroku war die am meisten ausgestellte Meister-Lizenz während der Edo Periode. Der Anteil der Schüler, welche die Hokushin Ittō-Ryū zu einem solchen Grad meisterten, dass sie Chū- oder Dai-Mokuroku erhielten war vergleichsweise niedrig. In Relation auf die gesamte Anzahl der eingeschriebenen Schüler in der Hokushin Ittō-Ryū, wurde das Kajō-Mokuroku deutlich öfter verliehen als die beiden nachfolgenden Schriftrollen. Das Kajō-Mokuroku zertifiziert außerdem dass die Honshitsu (Essenz) der Schule gemeistert wurde. Aus diesem Grund wird das Kajō-Mokuroku auch als Hon-Mokuroku bezeichnet, was man als “Haupt- oder Essenz-Diplom” übersetzen könnte.

Wenn ein Schüler das komplette technische und philosophische Curriculum der Schule gemeistert hat und eine starke Persönlichkeit auf den Lehren der Hokushin Ittō-Ryū entwickelt hat, so wird ihm das Chū-Mokuroku / Menkyo verliehen. Verglichen mit dem modernen Kendō/Iaidō System entspricht dieser Grad der Meisterschaft dem 8. Dan (Hachidan).

Mit der vollständigen Übermittlung aller Geheimnisse der Hokushin Ittō-Ryū geht die Verleihung des Dai-Mokuroku/Menkyo-Kaiden einher. Dies ist der höchste Rang in der Schule und bescheinigt, das ein Individuum die Hokushin Ittō-Ryū in allen Einzelheiten vollständig gemeistert hat. Dai-Mokuroku wäre im modernen Graduierungssystem mit dem 10. Dan (Jūdan) gleichzusetzen.

Alle Makimono und Inka-Jō der Hokushin Ittō-Ryū werden für jeden Schüler handgeschrieben und nur vom Gen-Sōke (aktuellen Oberhaupt) der Schule verliehen.