Einführung

Als Koryū-Bujutsu werden die traditionellen Schulen der japanischen Kriegskunst bezeichnet, welche von den Samurai im feudalen Japan ausgeübt wurden. Die Lehrinhalte werden dabei direkt von Meister an Schüler weitergegeben und in ununterbrochenen Linie von der Gründung einer Schule bis zum heutigen Tag bewahrt. Die Koryū (wörtlich: “Alte Schulen”) dienten dazu die Bushi (Samurai) in der Kunst und den Strategien des Krieges zu unterrichten um auf dem Schlachtfeld oder in Duellen überleben zu können. Die Lehrinhalte sind jedoch nicht auf reine Kampftechniken beschränkt, sondern beinhalten darüber hinaus auch Reihō (die traditionelle Etikette). In letzterer wird vermittelt, wie man sich gemäß den Gebräuchen im feudalen Japan zu benehmen, bewegen und zu verhalten hat. Darüber hinaus ist auch Tetsugaku Inhalt einer Schule, was sich wörtlich als Philosophie übersetzen lässt. Die vermittelten Inhalte setzen die erlernten Kriegstechniken in eine ethische Verbindung mit dem Alltagsleben der Samurai und runden so die Lehrinhalte ab. Die Kombination all dieser Aspekte haben zum Ziel einen Krieger mit unbezwingbarem Geist und Körper hervorzubringen.

Die Schlacht von Sekigahara, dem größten Schlachtfeld in der Geschichte der Samurai

Die Schlacht von Sekigahara, dem größten Schlachtfeld in der Geschichte der Samurai

Der Begriff “Gendai-Budō” beschreibt, im Gegensatz zu Koryū-Bujutsu, die modernen japanischen Kampfkünste wie beispielsweise Kendō, Jūdō, Aikidō, Iaidō oder Jōdō. Diese modernen Kampfkünste entstanden nach der Meiji Restauration von 1868 und der damit verbundenen Abschaffung des Feudalsystems mit seinen Clans und der Kriegerkaste der Bushi (Samurai). Sie haben einen sportlichen Ansatz und haben sich von den ursprünglichen Lehren und Traditionen die in den Koryū vermittelt wurden abgewandt und an die westliche Welt und Kultur angepasst. Einhergehend mit diesen Veränderungen haben Gendai-Budō auch die Verbindung zu realen Techniken und Kämpfen auf dem Schlachtfeld oder in Duellen auf Leben und Tod verloren.

Die verschiedenen Koryū sind traditionellerweise gemäß einer festen hierarchischen Struktur aufgebaut. Eine Koryū wird von ihrem Sōke (Oberhaupt der Schule) geleitet. Dieser ist alleinig für Entscheidungen innerhalb der Schule, ihre Führung und Repräsentation nach außen zuständig. Zudem liegt es in seiner Verantwortung die Lehren der Schule an die nächste Generation weiterzugeben, sowie Graduierungen und Lehrlizenzen bei entsprechendem Können zu vergeben.

In einigen Schulen praktiziert der Sōke die Kampfkunst selbst nicht aktiv, sondern leitet die Schule als Repräsentationsfigur und kann die Shihanke Linien (Meisterlinien) seines Stils autorisieren, welche das aktive Training leiten. Innerhalb einer Schule können so auch mehrere Shihanke-Linien nebeneinander (und neben der eigentlichen Hauptlinie) existieren, wenn diese vom aktuellen Sōke anerkannt werden. Oft wird der Sōke Titel innerhalb einer Familie an nahe Verwandte, z.B. von Vater zu Sohn, weitergegeben. Der Sōke kann allerdings auch entscheiden die Schule an einen aktiven Shihan der nicht aus seiner Familie stammt oder an den Shihan einer Nebenlinie zu übergeben. Dieser Shihan wird dann der neue Sōke und setzt die Hauptlinie der Schule fort, welche dann solange innerhalb seiner Familie weitergegeben wird, bis wieder jemand aus einer anderen Familie zum Sōke ernannt wird. Zudem gibt es auch einige Schulen, welche das Sōke/Iemoto System nicht verwenden. In diesen Schulen führt der Shihan (Meister) mit dem höchsten Rang die Schule oder es gibt verschiedene Lehrlinien, welche komplett unabhängig voneinander agieren.

Die Graduierungen innerhalb einer Koryū werden traditionellerweise in Form von Makimono (Schriftrollen) ausgestellt, in welchen Techniken, Geschichte, Tradition oder die Geheimnisse der jeweiligen Schule überliefert sind. Graduierungen wie Kyu oder Dan existieren traditionsgemäß ebenso wenig wie bestimmte vorgeschriebene Gürtelfarben oder Abzeichen. Sowohl bei dem Dan/Kyu Graduierungssystem also auch den Gürtelfarben handelt es sich um neuere Erfindungen, die sich auf Vereinheitlichungsbestrebungen und den sportlichen Aspekt bei verschiedenen Gendai-Budō zurückführen lässt. Ebenso sind Koryū in der Regel keine Mitglieder von internationalen Verbänden oder Vereinigungen. Jede Koryū agiert unabhängig mit ihrem jeweiligen Sōke als Oberhaupt, welcher von den Shihan (Meistern) seiner Schule bei deren Leitung weltweit unterstützt wird. Diese Art eine Koryū zu führen hat ihren Ursprung in der japanische Feudalzeit und wird so bis in die Gegenwart fortgesetzt.

Heutzutage existieren noch grob hundert Koryū, welche aktiv trainiert werden. Sie alle schafften es über hunderte von Jahren zu überdauern und ihre Techniken und Lehren von einer Generation an die nächste weiterzugeben. Obgleich es keine sportlichen Wettkämpfe zwischen verschiedenen Ryūha (Schulen) gibt, kommt es manchmal vor, dass ein hochgraduiertes Mitglied einer Schule einen Meister einer anderen Schule zu einem Duell herausfordert. In der Regel wird dies aber nur sehr fortgeschrittenen und hochrangigen Mitgliedern einer Schule gestattet eine solche Herausforderung auszusprechen.

Koryū werden als wichtiger Teil der Geschichte und Kultur Japans angesehen. Die oben beschriebenen Strukturen und Traditionen ermöglichen es jedem Schüler auch heutzutage in einer Art zu trainieren, wie es im feudalen Japan üblich war.

Dieser Text soll nur als sehr kurze Einführung dienen, der sehr grob beschreibt, was unter dem Begriff “Koryū-Bujutsu” zu verstehen ist. Es sollte jedoch beachtet werden, dass jede Koryū ihre eigenen Charakteristika und Ausprägungen hat, welche sich zu jeweils anderen Koryū erheblich unterscheiden kann.