Curriculum

Das Training in der Hokushin Ittō-Ryū besteht aus verschiedenen Komponenten. Diese verschiedenen Bausteine existieren seit Gründung der Schule und zielen darauf ab die Kenshi (Schwertkämpfer) der Schule möglichst gut für Kämpfe auf dem Schlachtfeld und in Duellen vorzubereiten. Im Einzelnen werden die folgenden Kampftechniken unterrichtet:

  • Kenjutsu: Unter Kenjutsu versteht man die Kunst mit dem Katana oder dem Wakizashi, dem berühmten Schwertpaar aus langem und kurzem Schwert der Bushi (Samurai), zu kämpfen. Im Gegensatz zum modernen Kendō handelt es sich bei Kenjutsu nicht um einen Sport bei dem man versucht Punkte zu erzielen oder bei dem nur bestimmte Trefferflächen für gültige Schnitte erlaubt sind. Im Kenjutsu lernt man Techniken für den Gebrauch eines Shinken (echtes Schwert mit scharfer Klinge). Diese ermöglichen es, in Kombination mit ebenfalls gelehrten Strategien und der richtigen mentalen Einstellung, Gegner zu besiegen, unabhängig davon ob sie Yoroi (japanische Rüstungen) tragen oder nicht. Während beim Kendō nur die durch den Bōgu (Kendō Rüstung) geschützten Körperteile (Hände, Hals, oberer Kopfbereich und Bauch) legal angegriffen werden dürfen, ist beim Kenjutsu der gesamt Körper zulässige Trefferfläche. Ein Hauptaugenmerk wird hierbei allerdings auf die unweigerlichen Schwachstellen der Yoroi gelegt. In der Hokushin Ittō-Ryū wird Kenjutsu zunächst mit Bokutō (Holzschwert) und Shinai (Bambusschwert) unterrichtet. Später kommt dann das Partnertraining mit den Shinken hinzu. 
Kenjutsu

Kenjutsu

 

  • Battōjutsu: Battōjutsu ist die Kunst des Schwertziehens. Hierbei liegt ein Schwerpunkt darauf das Ziehen aus der Saya (Schwertscheide) so zu gestalten, das mit der gleichen Bewegung schon ein Angriff (oder eine Abwehr) erfolgt. Die Techniken des Battōjutsu wurden im feudalen Japan hauptsächlich zur Selbstverteidigung, im alltäglichen Leben eines Bushi, oder für Attentate eingesetzt, jedoch weniger für die Verwendung auf dem Schlachtfeld. Viele Techniken können sowohl offensiv als auch defensiv eingesetzt werden. Beispielsweise um den überraschenden Angriff eines Gegners zu kontern, obwohl das eigene Schwert noch in der Saya (Schwertscheide) steckt, oder um einen nichtsahnenden Feind schnell und effizient zu meucheln. In der Hokushin Ittō-Ryū wird Wert darauf gelegt das Battōjutsu möglichst von Anfang an mit Shinken zu lernen. 

Battōjutsu

 

  • Naginatajutsu: Im Naginatajutsu erlernt man den Umgang mit dem Naginata, einer japanischen Stangenwaffe, ähnlich zur europäischen Glefe. Neben dem Yari (Speer) war das Naginata die Hauptwaffe für den Nahkampf auf den Schlachtfeldern im feudalen Japan. Ein Naginata besteht aus einem hölzernen Stab, der in einer gebogenen, einseitig scharfen Klinge endet, die auf den ersten Blick Ähnlichkeiten zu einer Katanaklinge besitzt. Diese Konstruktion des Naginata ermöglicht es Techniken des Yari, des Bō (Langstock) und des Schwertes mit einer einzigen Waffe durchzuführen, so dass das Naginata eine der flexibelsten und effektivsten Waffen auf den Schlachtfeldern des feudalen Japan war. 
Naginatajutsu

Naginatajutsu

 

  • Jūjutsu: Jūjutsu umfasst Techniken des waffenlosen Nahkampf um einen bewaffneten oder unbewaffneten Gegner mit Schlägen, Tritten, Würfen oder Hebeln zu besiegen. Diese Techniken wurden hauptsächlich zur Selbstverteidigung eingesetzt. Es ist jedoch auch möglich sie anzuwenden, wenn man einem Gegner im Kampf zu nah kommt. 
Jujutsuu

Jūjutsu

 

Wie in allen traditionellen Japanischen Koryū werden diese Jutsu (Kampfmethoden) mittels fester Formen, den sogenannten Kata, weitergegeben. Dadurch wird es dem Schüler ermöglicht die Waza (Techniken) in einer sicheren und kontrollierten Umgebung zu erlernen. Das Risiko von Verletzungen wird dadurch minimiert. Jede Technik muss sorgfältig und gründlich geübt werden, bevor sie sicher und ohne Mühe in einer Kata angewendet werden kann. Die Bewegungsabläufe müssen solange wiederholt trainiert werden, bis sie vollkommen in den Bewegungsapparat des eigenen Körpers übergegangen sind. Ab diesem Zeitpunkt lassen sich die Techniken intuitiv und mühelos durchführen und sie können in den jeweils passenden Situationen perfekt durchgeführt werden.

Die Kata der Hokushin Ittō-Ryū sind in Omote no Kata (offene Formen) und Ura no Kata (geheime Formen) aufgeteilt. Die Omote no Kata werden offen auf dem Dōjō-Mokuroku, einer Liste aller offenen Formen, im Chiba-Dōjō aufgeführt. Wenn man alle Omote Kenjutsu, Battōjutsu und Naginatajutsu Kata zusammen nimmt, so umfasst die Hokushin Ittō-Ryū 182 Omote no Kata. Die Jūjutsu Kata, zusammen mit bestimmten Kenjutsu, Battōjutsu und Iaijutsu Kata und Waza, bilden das Ura Curriculum der Schule. Die Ura no Kata werden nicht öffentlich vor- sowie aufgeführt und nur an die besten und hingebungsvollsten Schüler weitergegeben. Die folgende List zeigt alle 182 Omote no Kata, welche den Schülern der Hokushin Ittō-Ryū beigebracht werden

Hokushin Ittō-Ryū Omote no Kata (PDF)

Hokushin Ittō-ryū Hyōhō Dōjō-Mokuroku im Chiba-Dōjō

Hokushin Ittō-ryū Hyōhō Dōjō-Mokuroku im Chiba-Dōjō

 

 

 

Gekiken

 

Nachdem die Grundtechniken und Bewegungen der Hokushin Ittō-Ryū erlernt sind, ist der nächste Schritt die Anwendung dieser Techniken und Strategien im Freikampf. Der traditionelle Freikampf in den Koryū wird als Gekiken bezeichnet und spielt eine wichtige Rolle um die in den Kata vermittelten Waza vollständig zu meistern. Gekiken, das Sparring in traditionellen Koryū-Bujutsu (traditionellen japanischen Kampfkünsten) wird normalerweise mit Bōgu (Schutzausrüstung) und Shinai (Bambusschwert) praktiziert. Das verwendete Material dient zwar dazu das Verletzungsrisiko klein zu halten, jedoch sollte beim Gekiken immer im Hinterkopf behalten werden, dass es sich um Training für eine Auseinandersetzung mit echten Schwertern in einer Situation auf Leben und Tod handelt. Das Gekiken in der Hokushin Ittō-Ryū beschränkt sich nicht nur auf das Kenjutsu, sondern beinhaltet auch das Üben von Battōjutsu, Naginatajutsu und der Jūjutsu Techniken der Schule. Durch dieses harte Training entwickelt der Schwertkämpfer nicht nur eine kraftvolle Technik, sondern auch einen kraftvollen Geist und eine starke Persönlichkeit, welche auf den Lehren des Schwertes basieren.

Holzschnitt aus der Meiji-Zeit welcher ein Gekiken-Shiai zweier Hokushin Itto-ryu Kenshi im Chiba-Dojo zeigt

Holzschnitt aus der Meiji-Zeit welcher ein Gekiken-Shiai zweier Hokushin Ittō-ryū Kenshi im Chiba-Dojo zeigt

Das moderne Kendō übernahm bei seiner Gründung die Verwendung von Bōgu und Shinai aus dem Gekiken der traditionellen Koryū. Dies ist darauf zurückzuführen, dass viele Gekiken Schulen, wie die Hokushin Ittō-Ryū, Shintō Munen-Ryū, Kyōshin Meichi-Ryū und die Shingyōtō-Ryū einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Entstehung des modernen Kendō hatten. Deshalb wirkt Kendō auf den ersten Blick auch sehr ähnlich zu dem Gekiken aus dem es hervorgegangen ist. Wenn man sich jedoch etwas genauer mit der Materie beschäftigt, so fällt auf, dass sich Gekiken und modernes Kendō in Hinblick auf Techniken und Geisteshaltung erheblich unterscheiden. Das Gekiken Training der Hokushin Ittō-Ryū ist in vier Stufen unterteilt:

  • I. Kata-Geiko: In dieser ersten Stufe beginnt der Kenshi mit dem Üben der Kumitachi-Kata (Partnerformen aus dem Kenjutsu). Im Gegensatz zum regulären Katatraining mit Bokutō werden nun Bōgu und Shinai verwendet und es wird mit Vollkontakt geübt. Diese Stufe dient zum Testen und weiteren meistern der bisher erlernten Techniken.

 

  • II. Uchikomi-Geiko: Auf Stufe zwei wird Uchikomi-Geiko gelehrt. Dies ist eine Übungsart mit zwei festen Rollen: Uchitachi (der angreifende Schwertkämpfer) und Shitachi (der verteidigende Schwertkämpfer). Der Uchitachi greift Shitachi dabei ständig an, ohne sich selbst zu verteidigen oder auf Treffer zu achten. Auf diese Weise kann Shitachi lernen sich gegen verschiedene Arten von Angriffen zu verteidigen und die im Kata-Geiko trainierten Techniken frei einzusetzen um effektive Konterangriffe anzubringen. Shitachi ist es dabei nicht erlaubt selbst direkt anzugreifen, sondern der Fokus liegt hier komplett auf Abwehr und Kontertechniken. In der Vergangenheit war diese Art von Training sehr wichtig, da es durchaus passieren konnte, dass ein Anfänger einem Schwertmeister in einer realen Situation gegenüber stand. Das Uchikomi-Geiko ist daher eine wichtige Vorbereitung um sich gegen starke Angriffe verteidigen zu können und zu überleben. Darüber hinaus werden im Uchikomi-Geiko auch die Kumiuchi Waza geübt. Als Kumiuchi bezeichnet man das Benutzen von Kenjutsu Techniken in Kombination mit Jūjutsu Techniken.

 

  • III. Shiai-Geiko: Als nächstes, also auf Stufe drei, wird Shiai-Geiko, der Freikampf (oder Duell) im Training der Hokushin Ittō-Ryū gelehrt. Ein deutlich sichtbarer Unterschied zu modernem Kendō ist die Art und Weise, wie der Bōgu im Gekiken-Shiai benutzt wird. Im Gekiken dient der Bōgu dazu vor ernsthaften Verletzungen zu schützen, jedoch darf der gesamte Körper angegriffen werden. Im Gegensatz dazu beschränkt Kendō die erlaubten Trefferflächen auf die vom Bōgu geschützten Körperteile, so dass beispielsweise die Beine von Angriffen komplett ausgenommen werden. Auf einem hohen Level werden Duelle auch ohne den Schutz des Bōgu mit dem Shinai oder dem Bokutō durchgeführt – die Verwendung insbesondere des Bokutō setzt hierbei von beiden Teilnehmern voraus, dass sie genug Kontrolle besitzen, so dass ernsthafte Verletzungen verhindert werden können. Darüber hinaus werden im Shiai-Geiko Techniken gegen mehrere Gegner, das Kämpfen in Gruppen und das Kämpfen gegen andere Waffen (Naginata, Wakizashi) gelehrt und geübt.

 

  • IV. Shinken-Shōbu: Die vierte und höchste Stufe des Gekiken Trainings in der Hokushin Ittō-Ryū wird Shinken-Shōbu genannt. Im Shinken-Shōbu fechten zwei Meister der Schule ein Duell mit Shinken (echten Schwertern mit scharfer Klinge). Im Gegensatz zum Europäischen Fechten oder Duellen geht es hier nicht um das “erste Blut”. Statt dessen werden Angriffe mit Sundome ausgeführt. Sundome bedeutet, dass die Klinge einen Sun (ca. 3cm) vor Körperkontakt gestoppt wird, was Kontrolle und Meisterung der eigenen Technik demonstriert. Diese Art zu trainieren ist sehr gefährlich und verlangt neben vorzüglicher Technik auch höchste Konzentration. Deshalb ist es nur höchsten Meistern der Hokushin Ittō-Ryū gestattet am Shinken-Shōbu teilzunehmen.

 

 

 

Reihō und Tetsugaku

 

Neben den reinen Techniken, Strategien und Übungsmethoden wird in der Hokushin Ittō-Ryū auch Wert auf Reihō (Etikette) und Tetsugaku (Philosophie) gelegt und sind ein natürlicher Bestandteil des regulären Trainings.

Das Reihō der Schule zeigt, wie man sich gemäß der Bräuche des feudalen Japans benimmt, bewegt und verhält. So existieren beispielsweise verschiedene Arten sich zu verbeugen, je nachdem, wer das Gegenüber ist und in welcher Situation man sich befindet. Ebenso situationsabhängig ist der korrekte Umgang mit dem Daishō (Schwertpaar der Samurai). Bewegung in traditioneller Kleidung und höflicher und korrekter Umgang in Alltagssituationen, gegenüber dem eigenen Fürsten, anderen Bushi von niedrigerem oder höherem Rang, oder in der Befehlshierarchie auf dem Schlachtfeld sind ebenso Bestandteil des Reihō.

Tetsugaku auf der anderen Seite bildet die ethische Verbindung zwischen den Kriegskünsten und dem Alltagsleben eines Bushi. Beispielsweise sind die Lehren von Satsujinken, dem Schwert welches Leben nimmt, und Katsujinken, dem Schwert das Leben gibt und beschützt, von höchster Bedeutung in der Hokushin Ittō-Ryū. Beide Lehren sind tief verwurzelt in den Gokui (höchsten Geheimnissen) der Schule und in ihren Techniken. Viele andere philosophischen Lehren, welche auf Konfuzianismus, Shintoismus und Buddhismus beruhen werden ebenfalls unterrichtet.

Die physischen Techniken der Hokushin Ittō-Ryū, in Verbindung mit dem Reihō und Tetsugaku haben das Ziel den perfekten Kenshi mit unbesiegbarem Geist und Körper hervorzubringen.